Nachtleben: (Des)Integrative Kneipentour

Nachtleben: (Des)Integrative Kneipentour

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6,7% Polen, 6,3% Russen, 1,2% Weißrussen, 0,7% Ukrainer, 0,1% Juden, 0,09% Tartaren… Litauen zählt 115 ethnische Minderheiten. Wie integriert sind diese Gruppen in die Gesellschaft vor Ort? Cafebabel.com wirft einen Blick auf das integrative Potenzial der Bars und Clubs der litauischen Hauptstadt.

Sie gehen oft in getrennte Schulen. Hatten nie die Gelegenheit, sich unter andere zu mischen. Und trotzdem leben sie zusammen in einer Stadt, die schonmal russisch, auch polnisch war und heute litauisch ist. In einem Land, das vor 20 Jahren bereits zum dritten Mal unabhängig wurde und bis heute an seiner Identität feilt. Litauens ethnische Minderheiten sind gesetzlich anerkannt. Sie haben sogar ihre eigene Institution, die so genannte Division of National Minority Affairs [Tautinių mažumų reikalų skyrius], obwohl deren Direktor, Kastytis Minkauskas, bei unserem Treffen in der Plumbum-Bar in Vilnius,  sichtliche Probleme damit hat genau zu erklären, was sein Büro eigentlich tut. Es bleibt nur noch ein Ausweg, um dem Niveau der postsowjetischen Integration und dem Austausch der verschiedenen ethnischen Gruppen in der litauischen Hauptstadt auf den Grund zu gehen: Ein Rundgang durch die verschiedenen Bars und Kneipen der Stadt, nachdem die Sonne untergegangen ist.

Gesichtskontrollen

Bevor die Locals unter den Tisch getrunken werden, gibt es noch drei Dinge, die man über Minoritäten und Integration in Litauen wissen muss. Zunächst die Sprache: „Wir waren Teil der Sowjetunion und mussten alle Russisch lernen“, erklärt Vilma, eine 26-jährige Litauerin, die ein bisschen Russisch, dafür aber perfektes Englisch spricht. „Das ist jetzt natürlich passé.“ Zweitens ist da der Fakt, ganz einfach kein Litauer zu sein – obwohl das natürlich in jedem Land Probleme hervorrufen kann. Und drittens ist da noch die passende Begleitung. Es ist einfacher allein in einer Bar zu sein und sich einer Gruppe anzuschließen als sich als Gruppe einer anderen Gruppe anzuschließen. In Vilnius hat fast jeder Club strenge Gesichtskontrollen.

Ich beschaffe mir einen willigen Guide in den Mittzwanzigern, der sich im Nachtleben von Vilnius bestens auskennt. Zumindest wird er des Nachtens auf der Straße oft von Bekannten und flüchtigen Begegnungen erkannt. „Wenn der Barbesitzer russische Freunde hat, kannst Du darauf wetten, dass er es anderen Bekannten erzählt und wir so in eine russische Bar kommen“, sagt er, um eine der allgemeinen Maximen gleich auf den Punkt zu bringen. Das Plumbum, wo ich den offiziellen Vertreter der Division of National Minority Affairs getroffen hatte, ist eine Bar, in der weißrussisches Publikum aus- und eingeht. Die meisten Bewohner von Vilnius dürften das aber nicht einmal wissen. Vielleicht reiht sich das Plumbum in die vielen Nightspots der litauischen Hauptstadt ein, die man eröffnet hat, um dem Mainstream zu entfliehen. „Ein Pole kann hier Probleme in einer Bar bekommen, wenn er sich wie ein Pole verhält“, erläutert mein Barguide. Er macht damit auf den Fakt aufmerksam, dass die polnischen Clubber manchmal darauf setzen, dass das Personal automatisch Polnisch mit ihnen spricht. „Ausländer sind Teil des Stadtbildes, aber…“, sagt er zögerlich.

Kirchengänger bei Tag, Kampftrinker bei Nacht

Die beliebtesten Bars befinden sich in einer langgestreckten Zone in der Altstadt von Vilnius, die am Stadttor beginnt. Uns wird gesagt, dass dieser Stadtteil tagsüber “voller Polen sei, die, in die katholischen Kirchen in der Umgebung strömen“. Nachts ist er dann „voller Betrunkener aller Nationalitäten”. Es gäbe zwei Typen Bars, setzen unsere nächtlichen Fremdenführer fort: “Bars, die eine kulturelle Funktion erfüllen und Bars, in denen einfach nur gesoffen wird. Letztere werden oft mit den Russen assoziiert.“ Leider schließen diese Spots aber genauso schnell wieder, wie sie eröffnet wurden. Denn oft würden sie „für Geldwäsche benutzt“. Das Absento Fejos (‘Absinth-Märchen‘) ist die Ausnahme der Regel. Es ist wohl die einzige Bar in Vilnius, die es geschafft hat sich längerfristig durchzusetzen, und bizarrerweise auch die, die unter der Hand keine Ausländer reinlässt. Mit der Zeit ist die Regel etwas lockerer geworden – „ein VIP-Russe wird jetzt schonmal reingelassen“, sagt mein Guide. Wir klopfen gegen drei Uhr morgens an die Pforten. Offensichtlich sehen wir nicht litauisch genug aus. Uns wird der Eintritt verwehrt.

Weiter geht’s zum Gorky, eine Kreuzung aus Bar und Club, deren Art Director uns erklärt, dass er viel Kundschaft verloren hätte, seit die jungen Litauer massiv nach Großbritannien auswandern. Einer der Resident DJs, ein 23-jähriger Russe, raucht und spricht Russisch mit seiner russischen Crew auf einem Sofa im unteren Teil der Bar: Sie seien die einzigen, mit denen er weggeht. Er wirkt weniger enthusiastisch, als wir das Metelica erwähnen, das ein russischer Hotspot der Stadt sein soll. „Da gehen nur Leute ohne Geschmack hin“, sagt er.

Russisches Litauen

1995 wurde die Partei Litauisch-Russische Union [Lietuvos rusų sąjunga] gegründet, welche die in Litauen lebenden Russen repräsentiert. Laut des von der Europäischen Kommission veröffentlichten Berichts gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) vom September 2011 sehen sich die Russen in Litauen einer Schikane seitens der Litauer ausgesetzt. Zwei Tage später ist es nun Zeit, im sagenumwobenen Metelica vorbeizuschauen. Allerdings ist es schwierig jemanden zu finden, der mich dorthin begleiten möchte. „Vor fünf Jahren habe ich dort etwas Schreckliches gesehen und möchte nicht mehr dort hingehen“, lautet der Grund meines Fremdenführers. Andere sagen, es sei gefährlich dort und dass ich verrückt sei, dort allein hingehen zu wollen. Die Leute, die wir auf dem Weg ins Metelica treffen, tun so, als würden sie den Ort nicht kennen oder sind überrascht, wenn wir nach dem Weg fragen. Der Club liege ziemlich weit außerhalb, mindestens 30 Minuten zu Fuß. „Ah, der Russenschuppen“, sagt ein Passant. Sind es wirklich nur Russen, die dort hingehen?

Endlich stehen wir vor Neon-Reklamen, einer grauen Tür und drei kleinen Fenstern, flankiert von drei russischen Türstehern. Es ist halb eins in der Nacht. Eine Tür öffnet sich. „Niet!“ Und wird wieder geschlossen. Wir versuchen erneut mit den Bodyguards zu sprechen. Vergeblich! Deshalb stellen wir uns zu einer Gruppe Litauer im Eingangsbereich. „Heute gibt es einen Dresscode“, erklären sie uns. Aber wir sehen genau so ‘casual’ angezogen aus wie sie auch. Nächster Versuch: Wir widerstehen der litauischen Kälte, ziehen Mantel und Schal aus, um dann erneut vor den Fenstern des Clubs vorzulaufen. „Niet.“ Auch als zwei Russen und eine Litauerin versuchen uns als ihre Freunde einzuschleusen, werden wir aussortiert. „Ihr könnt rein, die beiden nicht – ich kann Dir nicht sagen warum“, übersetzt uns eine Litauerin die Worte des Türstehers.

Per Kneipentour über Integration zu sprechen ist ein hartes Brot, insbesondere, wenn man in manche Etablissements gar nicht erst reinkommt, sobald man anders aussieht. Unsere sicherlich begrenzte Erfahrung zeigt, dass die 115 ethnischen Minoritäten, die in Litauen belegt sind, sich nicht wirklich viel untereinander mischen – zumindest in puncto Nachtleben. Das Thema ist heikel: Niemand hatte erwartet, dass es einfach sein würde die nahe Vergangenheit so mir nichts dir nichts hinter sich zu lassen. Eine Mitarbeiterin am Centras Plius [Zentrum Plus], einer Organisation zur Unterstützung von Einwanderern in Litauen, bringt es auf den Punkt: „Wir sind keine besonders gastliche Nation, aber wir werden uns bessern – mit der Zeit.“

AUTOR Cristina Cartes, ÜBERSETZUNG Katha Kloss

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